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Als Lehrkraft aktiv durch den Schulalltag

ISBN 4260198990170

Wie Ihnen Grammatik dabei hilft ins Handeln zu kommen

 

Sie sind hier richtig, auch wenn Sie keine Deutsch-Lehrkraft sind. Aktiv und Passiv haben wir alle bereits in der Grundschule gelernt und doch sind wir uns häufig ihrer Wirkung auf unsere Kommunikation nicht bewusst.

Zum Einstieg habe ich für Sie ein wunderbares Zitat in der Wikipedia gefunden:

 

Der Journalist Wilfried Seifert spitzte den Unterschied zwischen Aktiv und Passiv so zu: „‹Sie werden in Kenntnis gesetzt›, das ist Papier. ‹Ich aber sage euch›, das ist die Bergpredigt.“ 1

 

Passiv-Sätze sind im Schulalltag weit verbreitet. Das liegt ein Stück weit daran, dass Kultusministerien und Schulämter den Rektoren und Lehrkräften viel Schriftliches in Behördensprache schicken: Lehrpläne, Verordnungen, Anträge, Gesetze, Bekanntmachungen, Leitlinien ...

 

Sprache steckt an

Wer also lang genug Behördensprache liest, spricht bald selbst so.

Im Umgang mit den SchülerInnen heißt es dann:

  • „Während der Ferien wurde das Klassenzimmer frisch gestrichen.“
  • „Die Pinsel müssen unter fließendem Wasser richtig ausgewaschen werden.“
  • „Ihr werdet nächste Woche umgesetzt.“

Unter KollegInnen klingt es so:

  • „Ist der Stundenplan fertig?“
  • „Die Schulaufgabe wurde schon korrigiert.“

Die Rektorin sagt:

  • „Die Noten sind bis zum 28.02. einzutragen.“
  • „Folgende Regelung ist beschlossen worden …“
  • „Im Lehrerzimmer wird ein Kalender aufgehängt …“

Und am Elternabend heißt es:

  • „Die Themen werden laut Tagesordnung behandelt.“3
  • „Für den Ausflug wurde der Spielplatz in der Talstraße reserviert.“
  • „Die Krankheitsvertretung wird sichergestellt.“

Was das Passiv bewirkt

Beim Lesen merken Sie, dass die Personen, die etwas tun, fehlen. Die aktiv handelnden Menschen geraten aus dem Blick. So fehlt den SchülerInnen die Einsicht, die Arbeit der Handwerker zu schätzen. Wer die Pinsel auswaschen soll, ist unbekannt. Und „umgesetzt werden“ klingt nach echter „Leideform“ – so habe ich noch die deutsche Bezeichnung des Passivs kennengelernt. Der Widerstand ist vorprogrammiert.

Im Umgang mit den Erwachsenen klingt es so, als ob sich die Sprecherin als Opfer von Umständen fühlt, mit denen sie selbst nichts zu tun hat. Sie übernimmt keine Verantwortung für ihr Handeln. Die Tatkraft ist gering.

Manchmal drückt sich dadurch auch eine falsch verstandene Bescheidenheit aus. Menschen, die häufig Passivsätze gebrauchen, neigen dazu sich unwichtig und unbedeutend zu fühlen. Sie machen sich also mit ihrer Sprache ständig klein und halten sich klein. Damit bleiben sie hinter ihren Möglichkeiten zurück.

 

„Passivsätze begünstigen Passivität. Aktivsätze führen ins Tun. Sie machen es Lehrern und Schülern leicht, aktiv zu werden und auch zu bleiben.“2

 

Aktiv durch den Schulalltag

Formulieren wir die Sätze also neu:

  • „Ein Maler der Firma Weiss / Unser Hausmeister Herr Rot hat während der Ferien das Klassenzimmer frisch gestrichen.“
  • „Bitte wascht die Pinsel nach dem Malen unter fließendem Wasser aus!“
  • „Nächste Woche werdet ihr wieder einmal neue Plätze bekommen. Ich plane folgendes …“

Und im Gespräch mit den Erwachsenen kann es so lauten:

  • „Hat Sabine den Stundenplan schon erstellt?“
  • „Ich habe die Schulaufgabe gestern korrigiert.“
  • „Tragt bitte die Noten bis zum 28.02. ein!“
  • „Die Schulleitung hat folgende Regelung beschlossen: …“
  • „Unsere Sekretärin Claudia hängt den neuen Kalender im Lehrerzimmer auf.“
  • „Wir werden die Themen der Tagesordnung behandeln.“3
  • „Für den Ausflug habe ich den Spielplatz in der Talstraße reserviert.“
  • „Ich habe gemeinsam mit unserer Rektorin Frau Hörmann die Krankheitsvertretung sichergestellt.“

Wie klingt es jetzt? Welche Wirkungen nehmen Sie wahr?

 

Was das Aktiv bewirkt

Jetzt erscheinen die Aktiven: Der Maler oder der Hausmeister, die Schulsekretärin oder die Rektorin – es gibt uns auch eine Gelegenheit die Menschen beim Namen zu nennen und ihnen dadurch Präsenz zu geben. Das schafft auch die Möglichkeit, den Beitrag des Aktiven in einem weiteren Satz zu würdigen:

  • „Das Klassenzimmer ist wieder richtig schön. Da macht es mir gleich noch mehr Freude, euch zu unterrichten.“

Oft nennt sich die Sprecherin selbst mit einem „Ich“ – das hat nichts mit Egoismus zu tun, sondern entwickelt Ausstrahlung, Präsenz und Klarheit. Es zeigt ihre Tatkraft und die Übernahme von Verantwortung. Gerade im Umgang mit den SchülerInnen oder am Elternabend zeigt es auch, wer die Regie führt. 

„Das Wort „aktiv“ kommt vom lateinischen „agere“, „tun“, „machen“. Davon leitet sich auch die „Aktion“ und das englische „action“ ab. Bei den Aktivsätzen erfahren wir immer, wer der Handelnde ist. Er steht am Anfang des Satzes. … Es lohnt sich, Aktivsätzen Aufmerksamkeit zu schenken. Sie erfordern einige Übung. Es ist zwar leicht, aus einem Passivsatz einen Aktivsatz zu machen. Doch braucht es Aufmerksamkeit und Übung, die Passivsätze im eigenen Sprachgebrauch zu erkennen und anschließend neu zu formulieren. Der Aufwand lohnt sich: Bewusst gebrauchte Aktivsätze bringen eine deutlich gesteigerte Grundaktivität. Sie setzen Energie frei und bringen Menschen in Bewegung.“Das ist Führung. Und Sie sind anderen ein Vorbild.

 

Wie es Ihnen gelingt, aktiver zu sprechen

Ich empfehle hierzu eine Vorgehensweise in mehreren Schritten:

  1. Fremdwahrnehmung: Beobachten Sie andere Menschen! Wer spricht viel im Aktiv? Wie wirkt dieser Mensch auf Sie? Wer spricht viel im Passiv? Wie wirkt dieser Mensch?
  2. Selbstwahrnehmung: Wie ist es bei Ihnen selbst? Reflektieren Sie Ihren alltäglichen Sprachgebrauch! Bitten Sie eine vertraute Person um Mithilfe bei der Beobachtung. Gibt es Situationen, bei denen Sie häufiger in den Passiv geraten? Wie ist es dort mit den Erfolgsaussichten? Wo gelingt Ihnen der Aktiv-Satz leicht?
  3. Situationen auswählen: Nehmen Sie zunächst ein oder zwei Situationen, bei denen die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass Ihnen die Umsetzung leicht gelingt. Üben Sie bewusst. Sie können sich bestimmte Sätze vorab zurechtlegen oder aufschreiben, sozusagen als „Trockenübung“. Manchem gelingt es dann leichter, die neuen Sätze parat zu haben.
  4. Geduld: Seien Sie geduldig mit sich selbst. Was Sie lange praktiziert haben, dauert auch eine Weile in der Weiterentwicklung. Seien Sie auch geduldig mit anderen Menschen. Bleiben Sie bei sich.

Sprache steckt an: Setzen Sie dem Behörden-Deutsch etwas entgegen! Damit werden Sie auch SchülerInnen, Eltern und andere Lehrkräfte in Bewegung bringen und Schule aktiv gestalten.

 

1 https://de.wikipedia.org/wiki/Aktiv_und_Passiv_im_Deutschen (Abruf am 16.10.20 zitiert nach Wolf Schneider: Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergaß. Reinbek 1994, S. 57)

2 Auszug aus dem Kartensatz: „Die Kraft der Sprache“ 40 Karten für Pädagogen, Vlg. LINGVA ETERNA, Erlangen 2014

3 Birgit Böhm „Klare und wertschätzende Kommunikation in der Grundschule“ Vlg. LINGVA ETERNA, Erlangen 2020 (S. 47f)

4 Mechthild von Scheurl-Defersdorf, Theodor von Stockert „Ein lautes Ja zum Leben sagen“ Vlg. Herder, Freiburg 2020 (S. 127f)

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