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Monatsrückblick August 2021 - Auszeit und außergewöhnliche Augenblicke

Foto: Heike Brandl
Radeln auf Rügen

Drei Wochen waren mein Mann und ich mit dem Rad unterwegs: Zum Rhein und bis ins Ruhrgebiet, durchs Münsterland nach Bremen, quer durch Schleswig-Holstein und an der Ostsee bis Rügen. Dort wartete eine Ferienwohnung auf uns und ein paar Tage ausruhen. 

Das war nicht unsere erste große Radtour: Nachdem wir 2018 drei Monate unterwegs waren, 2019 in Kanada 2 1/2 Wochen und 2020 in Süddeutschland zwei Wochen, wussten wir, was auf uns zukommen würde. 

 

Doch unsere Auszeit dauerte bis zum 5. September und so schließe ich diese Tage sinnvollerweise noch mit in den Monatsrückblick August 2021 mit ein. 

 

Erste Etappe: Von Lohr am Main bis Bonn am Rhein

In Etappen zähle ich hier die Tage bis zum nächsten Ruhetag. Wir fahren meist recht zügig und etwa 100 km pro Tag. Dafür genießen wir unterwegs kulinarische Pausen, gerne auch mehrere. Sightseeing fällt eher kurz aus, was in erster Linie am Gepäck auf dem Rad liegt. Das unbeaufsichtigt zurückzulassen riskieren wir lieber nicht. 

 

Lohr - Neu-Isenburg 103 km

Am ersten Tag fuhren wir noch durch vertraute Landschaften, am Main und über den Spessart. Schon bald wurde klar: Dieser Sommer war anders. Wir brauchten unsere Regen-Klamotten und ab und zu auch einen Unterstand. Auch in Neu-Isenburg kamen wir gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Schauer bei unseren Warmshowers Gastgebern an. Ein gemütlicher Abend mit Geschichten rund um Film und Fernsehen (unser Gastgeber war mal Chefbeleuchter u.a. beim Tatort!) und ein leckeres Frühstück (Hirsebrei - neue Erfahrung, aber lecker) folgten.

 

Neu-Isenburg - St. Goar 101 km

Der zweite Tag führte zum Rhein und nach zwei Stunden Regen waren wir bei Rüdesheim langsam wieder getrocknet ... Auf dieser Etappe war der Rhein nach dem katastrophalen Hochwasser vom Juli noch an mehreren Stellen über die Ufer getreten, es gab Umleitungen und Baustellen, wo Brücken und Uferstraßen durch das Hochwasser eingestürzt waren. Manchmal kam es mir schon seltsam vor, dass wir hier einfach Urlaub machten und ganz in der Nähe die Menschen existenzielle Sorgen hatten. Doch würde es dem Hotelier in St. Goar helfen, wenn wir nun zu Hause geblieben wären? Kaum. Wäre auch schade, denn das mittlere Rheintal ist wirklich eine Reise wert und landschaftlich wunderschön.

 

St. Goar - Bonn 111 km

Am nächsten Tag in Koblenz "musste" mein Mann mal in ein echtes Fahrrad-Eldorado: Canyon hat hier seinen riesigen "Showroom" und wir bestaunten die neuesten Modelle und auch die diverser Weltmeister. Wir waren beeindruckt. Zum Mittagessen freuten wir uns in Andernach am Marktplatz über ein tolles syrisches Restaurant. Dass unser Warmshowers-Gastgeber Thomas in Bonn im höchstgelegenen Stadtteil wohnte, gab mir an diesem Tag den Rest. Ich war völlig fertig nach nun insgesamt 315 km in drei Tagen. Thomas war im Vorjahr mal bei uns über Nacht, und so durften wir auch zweimal übernachten.

 

Denn nun war endlich ein Ruhetag angesagt. Diesen verbrachten wir weitgehend im Haus der Geschichte. Unsere Geschichte in Deutschland seit 1945 ist das, was unsere Lehrer:innen früher meist sehr knapp behandelten und so waren Fakten, Perspektiven und Ereignisse aus heutiger Sicht doch sehr interessant. 

Besonders spannend fand ich die aktuelle Ausstellung "Hits und Hymnen", bei der die historischen Ereignisse oder wirtschaftlichen Entwicklungen in der BRD in Zusammenhang mit den jeweils aktuellen Hits gebracht wurden. Die meisten kannte ich zwar, doch wer kennt schon den Kippen - Song? (Ende der 40er ein Hit).

 

Zweite Etappe: Von Bonn bis Bremen

Bonn - Duisburg 108 km

In Köln auf der Domplatte machten wir nur eine kurze Stippvisite. Mit Gepäck auf den Rädern ist das immer wenig entspannt. Außerdem hätten wir wohl mehrere Tage zur Besichtigung gebraucht. Bald schon lernten wir nun einen der großen Industriestandorte Deutschlands kennen. Vom Radweg am Rhein aus hatten wir den besten Blick auf Raffinerien und Schwerindustrie. In Duisburg genossen wir wieder eine Warmshowers Übernachtung. Unsere Gastgeberin Mila ist Künstlerin und entsprechend individuell war die Wohnung gestaltet. Abends gab es typisch Ruhrpott Imbiss: Pommes rot-weiß vegan mit frittierten Zwiebeln.

 

 

 

Duisburg - Dülmen 76 km

Am nächsten Tag schauten wir uns den Industriepark Duisburg an. Hier erobert sich die Natur vieles zurück und es gibt eine Menge kulturelle Angebote. Der DAV nutzt den Industriepark zum Klettern. Wie gut, dass hier kreative Köpfe für eine sinnvolle Nachnutzung sorgen. Nach gefühlten tausend Ampeln im Ruhrgebiet waren wir froh, als es wieder raus ins Münsterland ging. Dort kamen wir wieder gut voran bis Dülmen.

 

Dülmen - Damme 122 km

In Münster legten wir einen Stopp am Botanischen Garten ein und drehten eine kleine Runde durch die wunderschöne Altstadt. Hierher werde ich definitiv nochmal mit mehr Muße reisen. Weiter ging es bis Damme.

 

 

Damme - Bremen 90 km 

Vorbei an endlosen Mais- und Weizenfeldern, riesigen Höfen und strengem Geruch wurde klar wovon das Oldenburger Land lebt. Seit vier Tagen blies uns der Südwestwind stramm nach Nordosten. So kamen wir am Nachmittag schon in Bremen an. Hier gab es wieder einen Ruhetag und Sightseeing. Diesmal war die Kunst an der Reihe: Die Kunsthalle Bremen beeindruckte mich mit moderner Kunst und interessanter Farbgestaltung der Räume.

 

Dritte Etappe: Von Bremen bis Rostock

Bremen - Stade 96 km

Bei Stade (übrigens auch ein sehr schnuckeliges Städtchen) fand mein fleißiger Reisemanager eine Unterkunft in einem, laut des Seniorchefs, "lebenden Museum". Ein altes Haus, fein renoviert und liebevoll mit Altertümern möbliert und dekoriert, bot Zimmer und Frühstücksraum wie um 1930. Auch der Garten wirkte wie aus der Zeit gefallen, die pure Idylle. Ich entdeckte die ersten Schmetterlinge nach etwa 300 km voller Maisfelder.

 

Stade - Friedrichskoog 80 km

Weiter ging es über Glückstadt nach Friedrichskoog an die Nordsee. Wir hatten Glück, an diesem Tag fand der Sommer statt. Und noch ein Glück: wir fanden einen schönen Platz für unser Zelt  Sofort nach dem Aufbau ging es noch zum Strand, der allerdings auch bei Flut das Baden nur sitzend ermöglichte. Egal - uns war mal richtig heiß und die Nordsee kühlte.

 

Friedrichskoog - Burg (Dithmarschen) 43 km

Am nächsten Tag verbrachten wir bei frischem Wind noch ein paar Stunden am Strand und fuhren dann Richtung Osten nach Burg (Dithmarschen). Dort gab es wieder eine gemütliche Warmshowers Übernachtung.

 

Burg (Dithmarschen) - Sülfeld 88 km

Wir fanden die tiefste Stelle Deutschlands in der Wilstermarsch nahe Itzehoe. Beeindruckend, wie hoch hier die Hochwasserpegel schon mal waren bzw. ohne die Deiche wären. 

Nun wurde es langsam schwierig mit den Unterkünften, den ursprünglichen Plan Richtung Kiel zu fahren, ließen wir fallen. Auf Zelten hatten wir aufgrund des wechselhaften Wetters keine Lust. Stattdessen ging es nach Sülfeld kurz vor Bad Oldesloe. Hier durften wir auf einem Ziegenhof in einem umgebauten und sehr gemütlichen Zirkuswagen schlafen. Zum Abendessen gab es dann leckeren Ziegenfrischkäse.

 

Sülfeld - Wismar 99 km

Noch eine Stunde konnten wir morgens im Trockenen radeln, dann kam mal wieder der Regen. Kurzer Stopp in Lübeck am Holstentor und weiter ging es mit strammen Westwind nach Wismar. Hier gab es abends ganz wunderschönes Licht und wir schauten uns den Hafen und die Altstadt an.

 

Wismar - Rostock 84 km

Am nächsten Morgen wollten wir eine Regenlücke für die erste Stunde nutzen. Leider machte uns ein "multipler" Plattfuß einen Strich durch die Rechnung. Glücklicherweise waren wir noch in der Stadt und der nächste Radladen die Rettung. Inzwischen kam wieder ein Wolkenbruch mit anschließendem Dauerregen... Vom Ostseeradweg sahen wir nicht viel.

In Rerik flüchteten wir tropfnass in ein italienisches Restaurant, zogen uns um und wärmten uns auf. In Rostock hörte es dann endlich auf zu regnen und wir fanden eine Ferienwohnung am Stadtrand. Dort legten wir nochmal einen Ruhetag ein, da wir einen Tag zu früh für die Ferienwohnung gewesen wären. 

 

Vierte Etappe: Von Rostock bis Rügen und Inselerkundungen

Rostock - Putbus 105 km

Über Stralsund und den Rügendamm fuhren wir endlich an unser Ziel: Eine Ferienwohnung auf einem ehemaligen Bauernhof sieben Kilometer außerhalb von Putbus. Das hieß: Nachdenken, was wir wann zum Essen brauchten. 

 

Putbus - Sellin - Putbus 54 km

Ich hatte mir Rügen - warum auch immer - irgendwie flacher vorgestellt, wir bekamen hier deutlich mehr Höhenmeter auf den Tacho, als die Woche vorher. Hinzu kamen teilweise altertümliche, kilometerlange Pflasterstraßen, die die örtliche Radkarte als "für Profis" geeignet auswies. Sehr witzig. Leichter Tremor in den Händen und Ohrensausen vom ewigen Rattern waren das Ergebnis. 

 

Putbus - Königsstuhl - Putbus 80 km

Eine lange Tour machten wir nochmal über das Ostseebad Binz und die Küste entlang über Prora zu den Kreidefelsen. In Prora schauten wir uns das von den Nationalsozialisten geplante "Kraft durch Freude - Seebad" und das dazugehörige Dokumentationszentrum an. Die fast 5 km lange Anlage ist neben dem Reichsparteitagsgelände in Nürnberg die größte geschlossene architektonische Hinterlassenschaft aus nationalsozialistischer Zeit, ein Denkmal der Zeitgeschichte. 

Nach diesen Betonklötzen war der Nationalpark Jasmund mit den Kreidefelsen (Königsstuhl) eine wahre Augenweide und Erholung für die Sinne. Im Nationalpark-Zentrum gab es viel Wissenswertes rund um Natur und UNESCO Welterbe Kreideküste. Dennoch - wir mussten ja auch wieder zurückfahren. Ich bestand darauf, 20 km mit dem Zug zurückzulegen, denn sonst hätten wir wieder 100 km gehabt. Und das bei außerdem 750 hm und zwei Ausstellungen. Andere Leute unternehmen soviel an drei Tagen. Uff.

 

Am nächsten Tag fuhren wir nur nach Putbus auf eine sommerliche Kulturveranstaltung im herrlichen Schlosspark, Märchenerzählerinnen, Gaukler und Kindertheater luden zum relaxen ein und wir gönnten uns die köstliche Sanddorntorte im Rosencafe. Einen weiteren Ausflug machten wir noch auf den Süd-Zipfel Rügens. Hier ist es sehr landwirtschaftlich geprägt, ähnlich wie im Oldenburger Land. Am letzten Tag verbrachten wir noch einen Nachmittag einfach am Strand - endlich war es einmal einigermaßen warm, so dass ich tatsächlich ins Wasser ging. 

 

Tja und dann wollten wir eigentlich mit dem Zug - klimaneutral - nach Hause fahren. Doch die Lokführer streikten und so wurde nichts daraus. Zum Glück konnten wir noch einen One-Way-Mietwagen buchen und luden die Räder ins Auto. 8 Stunden Fahrt und wir waren zu Hause. 

 

Fünfte Etappe: Mit dem Auto nach Italien

Job meines Mannes: Leihwagen nach Würzburg bringen, mit dem Rennrad 180 km nach Weilheim/Teck fahren, unser Auto dort abholen und wieder zurück nach Lohr bringen. Das hatte nämlich unser Sohn gebraucht und zwar eben auch nur für eine One-Way-Strecke. 

Mein Job: Auspacken, waschen, einmal rund um Haus und Garten klar Schiff machen und wieder einpacken. 

 

Die Mountainbike-Weltmeisterschaft fand nämlich im Val di Sole statt. Donnerstag Abend - wir waren noch zu Hause vor dem Bildschirm und fieberten mit - holte unser Sohn Maximilian im Shorttrack die Bronzemedaille. Wir waren völlig aus dem Häuschen und hatten fast einen Herzinfarkt vor Aufregung. Es war unglaublich dramatisch. 

Am nächsten Tag fuhren wir also nach Italien, um den Wettbewerb am Samstag wenigstens noch sehen zu können. Und auch das war unfassbar spannend, denn er fuhr wieder ein grandioses Rennen und holte den 5. Platz. Als Eltern standen wir irgendwie fassungslos dabei: Unser Sohn - WM Bronze und WM-Fünfter - das waren wirklich außergewöhnliche Augenblicke. 

An den beiden Tagen danach verbrachten wir die Abende mit ihm und seiner Freundin, genossen die gemeinsame Zeit und feierten.

 

Diesmal hatten wir die Mountainbikes auf den Radträger geladen, um im wunderschönen Trentino auch ein paar Touren zu machen. Zwischendurch war Bergwandern angesagt und das Wetter meinte es diesmal sehr gut mit uns. 

 

Für das erste Septemberwochenende fuhren wir direkt vom Val di Sole noch nach Lenzerheide in die Schweiz. Auch hier war Maximilian sehr erfolgreich und fuhr im Shorttrack auf Platz 7 und im Cross Country auf Platz 9. Auf der Lenzerheide war auch eine grandiose Stimmung mit vielen, vielen Zuschauer:innen. Die Bilder dazu machen die Profis (u.a. seine Freundin Lynn) viel besser als ich und wenn du magst schau sie dir bei meinem Sohn auf Instagram oder Facebook an. Außerdem gibt es die überaus spannenden Rennen auf Redbull TV in der Aufzeichnung (WM Val di Sole und Weltcup Lenzerheide) zu sehen. 

 

Wofür ich dankbar bin

Ich bin dankbar,

  • für diese fünf Wochen so völlig aus dem Alltag heraus sein zu dürfen
  • für die Vielfalt in unseren Landschaften in Deutschland (und Italien) 
  • dafür, dass ich sah, wie missbraucht unsere Natur an vielen Orten ist und dass mir wieder deutlich wurde wie schützenswert sie ist
  • für die Menschen, die wir kennenlernen durften, unsere Gastgeber:innen bei Warmshowers mit ihren unterschiedlichen Geschichten und Lebensgestaltungen
  • dafür, dass ich an diesem großartigen Erfolg unseres Sohnes teilhaben durfte
  • dass ich soviel Sonne tanken durfte
  • dass wir fit, gesund, munter und voller Tatkraft wieder nach Hause kommen durften

Ausblick September 2021

  • neue Tagesfortbildung für eine Kita zum Thema Bindung entwickeln und durchführen
  • Vortrag Symposium LINGVA ETERNA Dozentenvereinigung am 02.10.21 (online) vorbereiten
  • Let´s blog again! 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nicole (Freitag, 10 September 2021 10:14)

    Was für eine schöne und beeindruckende "Tour de Force" quer durch 3 Länder...
    Über das Greenshower Konzept könntest du auch mal schreiben. Und beim nächsten Bonn-Besuch gerne auch zu mir kommen, wir wohnen ganz flach... � So schade, dass wir uns verpasst haben!