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Online-Seminare für Erzieher:innen - geht das?

Foto: Heike Brandl
Online-Fortbildung für Erzieher:innen - Wahrnehmung und Wahrnehmungsstörungen

„Was, du willst Online eine Fortbildung über Wahrnehmung halten? Wie soll das gehen?“ Oder: „Gerade beim Thema Kommunikation ist es doch so wichtig, sich persönlich gegenüber zu sitzen.“

So und so ähnlich waren die Kommentare im Vorfeld meiner letzten Veranstaltungen. Und ich gebe zu: Auch bei mir war anfangs die Skepsis groß. Sowohl auf Seiten der Trainer:in als auch auf Seiten der Teilnehmer:innen gibt es also Blockaden in den Köpfen. Sind diese Gedanken denn wahr und berechtigt? Hier folgt meine Analyse.

Was waren die Blockaden in meinem Kopf?

  • Wahrnehmung, das heißt ja mit sieben Sinnen aufmerksam sein, differenzieren, verarbeiten. Zum Riechen und Schmecken kann ich online erstmal nichts anbieten. Und bei den anderen Sinnen? Hm???
  • In der Präsenz-Veranstaltung probierten wir immer soooo viel aus. Das geht ja alles gar nicht.
  • Das Material müssen die Teilnehmer:innen doch „begreifen“ können – wortwörtlich. 
  • Das habe ich noch nie gemacht.
  • Was, wenn ich mit der fremden Plattform nicht klarkomme?
  • Und was, wenn das Internet weg ist?
  • Wie mache ich das mit der Interaktion?
  • Erzieher:innen wollen keine Online-Veranstaltung.
  • Ich bekomme nicht mit, wenn ein Input zu lange dauert oder eine Arbeitsphase zu kurz ist.
  • Ich habe keinen Online-Trainerin-Schein. Sprich: Ich müsste noch dies und das vorher lernen/machen/kaufen, damit es auch perfekt wird. 

Was waren/sind mögliche Blockaden in den Köpfen von Erzieher:innen?

  • Wenn die Technik nicht funktioniert, liegt es an mir.
  • Das habe ich noch nie gemacht.
  • Den ganzen Tag sitzen und zuhören – unmöglich.
  • Ich gehe doch auf eine Fortbildung, um mich mit anderen auszutauschen. Das geht doch online nicht.
  • Das ist bestimmt langweilig, den ganzen Tag vor dem Bildschirm.
  • Wie soll ich mich konzentrieren, wenn hier auch noch die Kids im Homeschooling sind?
  • Wenn wir über Kommunikation reden, fehlt uns doch online der Gefühlsausdruck. Da geht so viel verloren.

Die Listen haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch: Kommt dir das bekannt vor?

 

Woher kommen diese Glaubenssätze, Vorstellungen und Blockaden in unseren Köpfen? Klar, das liegt bei jedem ein Stück weit in der individuellen Entwicklung, seinen Erfahrungen, gesellschaftlichen Prägungen … Und? Will ich mich wirklich davon aufhalten lassen?

Foto: Heike Brandl

Blockaden? Dann blockiere doch mal deine Blockaden!

Blockade kommt übrigens aus dem französischen, von bloquer, der Klotz. Also räumen wir die Klötze aus dem Weg:

  •  Glaubenssätze?
    Da ist es mir immer hilfreich, wenn ich sie erkenne. Dann stelle ich sie schon mal in Frage. Also: Habe ich noch nie gemacht – es gibt immer ein erstes Mal. Meistens geht es gut und immer lerne ich was dabei. „Life begins at the end of your comfort zone” – seit 2018 mein Lieblings-Motivationsspruch.

  • Perfektionismus?
    Ab in die Tonne damit. „Better done than perfect.” Das könnte glatt mein neuer Motivationsspruch werden.
  • Technik?
    Gut, in die neue Plattform bekomme ich eine Einführung. Es gibt Youtube-Tutorials für alles. Und außerdem sind sie ja alle ziemlich ähnlich. Wird schon gut gehen. Wenn das Internet abstürzt, werde ich mich neu einwählen. Das passiert den anderen auch. Keiner erwartet Perfektion.

  • Ausprobieren?
    Ich kann per Email vorab informieren, welches Material die Erzieher:innen bereitlegen sollen. Es gibt viele Spiele, Aktivierungen und Bewegungs-Minis, die auch online gut funktionieren. Bei Zamyat M. Klein gibt es da einen Schatz zu entdecken. Und ich kann etwas in die Vorstellung bringen, sprachlich – beispielsweise bis den Teilnehmer:innen das Wasser im Mund zusammenläuft.

  • Interaktion?
    Brainstorming, Diskussionen und Austausch im Plenum gehen gut bei maximal 20 Personen. Voraussetzung: Eine Teilnehmer:innen-Liste mit den richtigen Namen, auch am Bildschirm (anstatt zum Beispiel „Gelbe Gruppe“) und sichtbare Teilnehmer:innen (also: Kamera an!).
    Partner- und Kleingruppenarbeit funktionieren ebenso wie in Präsenz in sogenannten Gruppenräumen (Breakout-Rooms). Hier kann ich je nach Plattform die Personen individuell zuteilen oder zufällig verteilen sowie mit einer Zeitbefristung versehen. Zusätzlich würde ich heute noch ein Zeitfenster für informellen Austausch freilassen (zumindest bei einer zweitägigen Fortbildung).
    Wo ich als Moderatorin fungiere, ist es wichtig, die Menschen mit ihrem Namen anzusprechen. Da wir keinen echten Blickkontakt herstellen können, ist dies grundlegend, damit sie wissen, wann sie gemeint sind. So fühlt sich auch keine/r bloßgestellt, wenn er/sie gerade einen Moment nicht aufgepasst hat. Also: Erst namentlich ansprechen, dann Frage stellen.

  • Zeit?
    Allgemeine Regel: Theoretischer Input – noch kürzer als offline. Austausch und Gruppenarbeiten – eher länger und häufiger als offline. In Gruppenräume kann ich mich auch zeitweise dazu schalten.

  • Hypothese?
    Meine Vorstellung, Erzieher:innen wollen keine Online-Veranstaltungen kann ich gleich vergessen. Das ist viel zu pauschal. Sicher gibt es viele Erzieher:innen, die das zum ersten Mal machen. Viele sind neugierig, wie das gehen kann. Viele sind optimistisch, dass es auch gut wird. Viele freuen sich, dass es endlich wieder etwas gibt. Und viele sind froh, dass sie keine 100 km mit dem Auto fahren brauchen. Ich übrigens auch. 

Und was ist mit den Blockaden der Erzieher:innen?

  • „Wenn die Technik nicht funktioniert, liegt es an mir.“
    Wieso denken vor allem die Frauen oft, dass es ihr Fehler wäre? Wenn das Internet oder die Maus hängt, dann hat doch keiner einen Fehler gemacht. Und außerdem: Siehe oben.

  • „Das habe ich noch nie gemacht.“
    Macht nichts. Dann wächst der Mut-Muskel. Und außerdem: Siehe oben.

  • „Den ganzen Tag sitzen und zuhören.“ Und: „Das ist langweilig.“
    Das könnte dir auch in einer Präsenz-Fortbildung passieren. Bei mir nicht – weder online noch offline. Versprochen. Bei mir gibt es Interaktion, gehirngerechtes Lernen, mehr oder weniger alberne Spiele, Bewegungs-Minis und vieles mehr. Und wie geht es dir nach einer Präsenz-Veranstaltung? Der Kopf ist voll? Okay, das wird er nach der Online-Veranstaltung auch sein.

  • „Ich will mich mit anderen austauschen.“
    Das geht auch. Dafür gibt es die Online-Gruppenräume. Allerdings gibt es keine gemeinsamen Kaffee- und Mittagspausen wie sonst. Dafür kannst du mal um den Block laufen oder zwischendurch mit deiner Katze kuscheln.

  • „Die Kids im Homeschooling oder die zu Hause betreut werden, stören.“
    Ich weiß, das sind echte Herausforderungen. Und auch hier gilt: Besser 50 % mitbekommen als gar nichts. Schraub deine Ansprüche herunter.
    Dann kommt es auf das Alter an. Vorschulkinder können auch im gleichen Raum friedlich Lego bauen, malen (okay, Wasserfarben besser nicht heute) oder Höhle spielen. Wahrscheinlich geht es sogar ruhiger zu, als wenn du deinen Arbeitsplatz zur Tabu-Zone erklärst. Setz dir ein Head-Set auf. So hörst du weniger Störgeräusche aus deinem Raum und die anderen Teilnehmer:innen ebenso.
    Mit älteren Kindern kannst du zusätzlich vereinbaren, wann du für Fragen verfügbar bist. Dadurch bist du ihnen ein gutes Vorbild, indem du ihnen zeigst, dass du dich auch auf deinen Unterricht konzentrierst. Und dann schau wirklich nach ihnen, wenn du Pause hast. So bist du verlässlich.

  • „Die nonverbale Kommunikation geht verloren.“
    Teilweise stimmt das schon. Doch auch am Telefon fehlt die nonverbale Kommunikation und dennoch führen wir manchmal stundenlange Telefonate mit der besten Freundin, oder? Für Kommunikationstrainings ist zumindest die Kamera erforderlich, so dass ich als Trainerin Mimik und teilweise Gestik mitbekomme. 

Fazit

Je mehr Veranstaltungen ich online durchführe, desto sicherer fühle ich mich. Auch wenn ich auf der anderen Seite sitze gilt:  Je mehr Veranstaltungen ich online besuche, desto sicherer werde ich auch als Teilnehmer:in. Technik streikt manchmal, das ist normal. Gerade letzte Woche war ich besonders froh, keine Präsenz-Veranstaltungen durchzuführen: Das Schneechaos hätte sowohl bei mir als auch bei den Teilnehmer:innen zu einem erhöhtem Stresspegel und Verspätungen geführt. Wenn die Veranstaltung zu Ende ist, bin ich schon zu Hause. Das ist doch großartig.

 

Und die Rückmeldungen der Erzieher:innen nach den Fortbildungen: Alle waren positiv überrascht, was online möglich ist und wie abwechslungsreich es war. 

 

Blockaden? Sind kein Klotz am Bein, sondern Klötze, die ich als Bausteine benutzen kann.

Damit baue ich mir jetzt online was auf!

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