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Warum es mich so stört, wenn Kita-Fachkräfte über Dritte lästern

Canva Pro Stock Foto

"Weisst du schon das Neueste, was bei uns wieder los ist? Stell dir vor ..."

 

Wenn ich morgens in eine Kita komme, und so begrüßt werde, würde ich am liebsten wieder gehen. In den seltensten Fällen kommt dann etwas Freundliches oder etwas Schönes. Was kommt, ist zum Beispiel Folgendes:

  • "Kollegin Katrin ist die Katze gestorben. Stell dir vor, jetzt hat sie sich eine Woche krank schreiben lassen und wir ..."
  • "Die Chefin Christine hat einfach das Übernachtungsfest für die Vorschulkinder gestrichen, wegen Personalmangel, und bei mir laufen jetzt die Eltern Sturm und ich soll ...."
  • "Frau Munter kommt vier Mal die Woche zu spät mit ihrer Tochter Kim. Und die will dann nicht mehr zum Vorschul-Programm. Jetzt macht Frau Munter Theater, dass Kim womöglich nicht schulreif ist. Und nun soll ich auch noch ..."

Es geht mir einfach gegen den Strich, wenn Kolleginnen übereinander statt miteinander reden.

Wenn Mitarbeiterinnen über die Führungskraft schimpfen.

Wenn Fachkräfte überforderte Eltern schlecht reden.

 

Ja, ich weiß, in manchen Fällen haben sie es mit der Kollegin auch schon x-Mal versucht. 

Ja, ich weiß, in manchen Fällen ist die Chefin keine ideale Führungskraft. 

Ja, ich weiß, in manchen Fällen sind die Eltern eine echte Herausforderung. 

 

Was kommt bei mir an?

Bei mir kommt eine emotional geladene Stimmung an, die sich auf mich überträgt. Auch wenn ich fröhlich und guter Dinge in eine Kita kam und mich auf meine Arbeit freute - nach so einer Begrüßung ist meine gute Laune futsch. 

 

Im Fall der krank geschriebenen Kollegin Katrin kommt die Ungerechtigkeit zum Ausdruck. Als ob die Fachkraft überlegen würde, wie oft sie schon eine vergleichbare Situation hatte und trotzdem zur Arbeit gegangen war. Nach dem Motto: "Die jungen Frauen heute, die denken nur an sich."

 

Im Fall mit der Chefin Christine nehme ich wahr, dass die Mitarbeiterin gerne mit in die Entscheidungsfindung einbezogen gewesen wäre. Ich höre, dass sie sich ausgeschlossen fühlt.

 

Im Fall der Mutter Frau Munter, die häufig zu spät kommt, nehme ich auch die Schuldzuweisung wahr. Ich spüre das Mitleid mit der Tochter. 

 

Wie wirkt die Fachkraft mit diesen Sätzen auf mich?

Die Fachkraft wirkt hilflos. Es scheint, sie habe keine Lösung, um mit der Situation adäquat umzugehen.

Sie wirkt auch gereizt, gestresst und schlechter Laune. 

Die Fachkraft wirkt neidisch auf die jüngere Kollegin, die sich eine Freiheit genommen hat. 

Sie wirkt abwertend gegenüber Eltern. Es scheint, ihr fehlt das Einfühlungsvermögen. 

 

Welche Auswirkungen haben solche Sätze auf unsere Zusammenarbeit?

Je häufiger ich von einer Fachkraft mit solchen "Weisst du schon ..." - Sätzen über etwas "informiert" werde, desto weniger Freude habe ich daran, mit ihr zu sprechen.

 

Es belastet mich, denn es ist nicht mein Auftrag, mit Kollegin Katrin, der Chefin Christine oder der Mutter Frau Munter zu reden. Mein Auftrag ist ein spezielles Kind, zu dessen Einzelintegration ich in die Kita komme. Diese Begleitung läuft über lange Zeiträume, manchmal Jahre, bis zur Einschulung. Natürlich werde ich da auch zu anderen Themen zu Rate gezogen. Gerade, weil die Fachkräfte wissen, ich befasse mich mit Kommunikation. Über ehrliche, offene Fragen freue ich mich und bin - so oft es geht - bereit zur Beratung.

 

Und manchmal nehme ich eben diese "Informationen" mit in die Einzelintegration. Sie blockiert meine Gedanken, meine Kreativität, meine Stimmung. Sie sind mir eine Last und es kostet mich Energie, mich wieder davon zu befreien. Warum geht mir das so nach? Das liegt wohl daran, dass ich weiß: Hier geht es um Kommunikation miteinander. Hier sind Ärger, Missverständnisse und Frust entstanden, weil jemand elementare Kommunikationsregeln außer Acht ließ. Ich könnte beraten. Doch es ist nicht mein Auftrag und oft will jemand das auch gar nicht hören. 

 

Ja, ich weiß, manchmal reicht es schon, wenn sich jemand seinen Ärger von der Seele reden kann. 

Doch ich fürchte: Meist bleibt es nicht nur bei dem einen Mal bei mir. Die Fachkraft wird es bei nächster Gelegenheit auch noch Kollegin X, der Kollegin Y aus der anderen Kita, ihrer Freundin Z und zu Hause dem Partner erzählen. 

 

Wem ist damit gedient? 

Wie wirkt das auf die Atmosphäre in einem Team?

Welchen Einfluss hat das auf das Vertrauen in unserer Beziehung?

Wie wird die Fachkraft über mich sprechen, wenn sie sich über mich ärgert?

 

Was kannst du tun, wenn es bei dir Lästereien am Arbeitsplatz gibt?

Dazu will ich dir eine Geschichte erzählen: 

 

Einst wandelte Sokrates durch die Straßen von Athen. Plötzlich kam ein Mann aufgeregt auf ihn zu.

„Sokrates, ich muss dir etwas über deinen Freund erzählen, der…“

„Warte einmal, „unterbrach ihn Sokrates. „Bevor du weitererzählst – hast du die Geschichte, die du mir erzählen möchtest, durch die drei Siebe gesiebt?“

 

„Die drei Siebe? Welche drei Siebe?“ fragte der Mann überrascht.

„Lass es uns ausprobieren,“ schlug Sokrates vor. „Das erste Sieb ist das Sieb der Wahrheit. Bist du dir sicher, dass das, was du mir erzählen möchtest, wahr ist?“

„Nein, ich habe gehört, wie es jemand erzählt hat.“

„Aha. Aber dann ist es doch sicher durch das zweite Sieb gegangen, das Sieb des Guten? Ist es etwas Gutes, das du über meinen Freund erzählen möchtest?“

Zögernd antwortete der Mann: „Nein, das nicht. Im Gegenteil….“

„Hm,“ sagte Sokrates, „jetzt bleibt uns nur noch das dritte Sieb. Ist es notwendig, dass du mir erzählst, was dich so aufregt?“

„Nein, nicht wirklich notwendig,“ antwortete der Mann.

 

„Nun,“ sagte Sokrates lächelnd, „wenn die Geschichte, die du mir erzählen willst, nicht wahr ist, nicht gut ist und nicht notwendig ist, dann vergiss sie besser und belaste mich nicht damit!“

 

Nun, diese alte Geschichte bezieht sich nur auf den eigenen Umgang mit Lästereien. Doch werden dir in deinem beruflichen Alltag noch andere Situationen begegnen. Menschen werden über dich lästern. Es wird dir vielleicht zu Ohren kommen. Oder du bist als Führungskraft gefragt, damit umzugehen. 

 

Was du in diesen Fällen tun kannst, das liest du in meinem Freebie Souverän mit Lästereien am Arbeitsplatz umgehen. Hier findest du Checklisten über Lästern, noch mehr über die Wirkung und 5 Tipps zum souveränen Umgang mit Lästern. 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Silke (Mittwoch, 29 September 2021 22:26)

    Liebe Heike, ich kann sehr gut nachfühlen, was dich bewegt. Zu allem von dir Aufgezählten kommt ja noch, dass es meist , wie du schon sagst, kein Einzelfall ist, die Lästerei. Und weiß ich, ob die Erzieherin nicht, kaum dass ich ihr den Rücken zugedreht habe, auch über mich lästert?
    Früher war ich einige Male in Arbeitsumfeldern, in denen ich "aus Notwehr" an Freizeitveranstaltungen teilgenommen habe, weil die Lästerkultur so ausgeprägt war, dass ich nur halbwegs sicher war, wenn ich dabei war. Auch keine Lösung. Und ja, all das Geschimpfe fühlt sich negativ an, zieht jeden, der zuhören muss, runter, und beeinflusst negativ gegenüber den belästerten Menschen, auch wenn die mit den leider offenen Ohren das gar nicht vorhatten.
    Liebe Grüße,
    Silke