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Wenn Vorschulkinder jetzt Störungen entwickeln, liegt es nicht an Corona

Im April 2020 sprach ich mit einer jungen Mutter aus meiner Straße. Sie machte sich Sorgen um ihre 3jährige Tochter Ida. Beim Spaziergang mit der Familie war die Kleine mit dem Roller ein wenig vorausgefahren, plötzlich stehen geblieben und hatte verunsichert gerufen: „Mama, da kommen Menschen!“ Im ersten Lockdown hatte sie ihr eingeschärft, Abstand zu Fremden zu halten. Die Sorge: Ob Ida wohl nach Corona wieder normal mit Menschen umgehen würde?

 

Nebenbei bemerkt: Ich lebe am Rande einer Kleinstadt in Bayern. Auf unserer Straße läuft auch bei schönstem Wetter und ohne Corona durchschnittlich ein Mensch bzw. eine Familie pro Stunde. Platz genug also, sich zu begegnen oder nach Wunsch, auszuweichen.

 

Immer wieder höre ich auch die Behauptung, dass die Masken die Kleinen doch ängstigen würden und das doch nicht gut sei für ihre Entwicklung. Sorry Leute. Aber da gibt es andere Dinge, die für die Kinder wesentlich ängstigender und schlimmer für die Entwicklung sind.

 

Foto: Canva Stock Foto
Distanz in der Erziehung?

Wie Vorschulkinder mit den Masken umgehen

Als Heilpädagogin bin ich in zur Einzelintegration in diversen Kitas und begleite dort 3-6jährige Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, auffälligem Verhalten und Behinderungen. Je nach dem individuellen Bedarf geht es um Förderung von Sprache, Spielen und Lernen, Konzentration oder sozialem Verhalten. Dazu bilde ich meist Kleingruppen oder begleite im Kita-Alltag. Ich sehe dabei also viele Kinder und ihren Umgang mit den Corona-Regeln.

 

Die Regelungen haben sich im Laufe des Jahres verändert. Im ersten Lockdown mussten die Erzieher:innen in Bayern keine Masken tragen. Später wurden sie Pflicht bei Tätigkeiten, bei denen ein Abstand von 1,5m nicht einzuhalten ist. Das ist im Alltag nahezu immer der Fall.

 

Genauso wie wir Erwachsenen, fanden die Kinder die Masken anfangs etwas merkwürdig. Doch habe ich bald eine Gewöhnung beobachtet. Was den Kindern vorgelebt wird und wie wir die Regelungen kommunizieren, so gehen die Kleinen auch damit um. „Das Kind empfindet die Welt so, wie sie ist, ohne mehr in die Dinge hineinzulegen, als es erlebt.“ (1) Ich habe kein Kind erlebt, dass aufgrund der Maske schrie, verunsichert war oder sie mir (oder anderen) herunterzog. Ich merke, dass wir wieder viel stärker Blickkontakt halten und lernen, mit den Augen deutliche Mimik zu zeigen. Damit können die Kinder sich gut orientieren. 

 

Endlich lernen die Kinder Hygiene-Regeln

Sehr positiv finde ich, dass sowohl Eltern wie auch Erzieher:innen nun großen Wert auf richtiges Händewaschen, Naseputzen und Nies-Etikette legen. Das war längst überfällig. Wieso gingen bislang (fast) alle davon aus, dass die Kids das im Vorschulalter nicht vernünftig lernen könnten? Sie können das!

 

Und – die erkälteten Kinder müssen und dürfen ihre Erkältung zu Hause auskurieren. Von grünem Rotz (sorry, das muss mal gesagt sein) bleiben wir künftig hoffentlich verschont in den Einrichtungen.

 

Bitte – es geht hier nicht um Spielen im Dreck! Das halte ich für elementar für die kindliche Entwicklung. Kinder dürfen und sollen sich schmutzig machen, Lehm, Farben, Regenwürmer und vieles mehr anfassen. Doch mit verschmodderten Fingern die Puppen, Legos oder Bilderbücher anfassen – das braucht kein Mensch.

 

Abstand halten – Nein danke

Abstand? Nein, das geht nicht im Vorschulalter. Kinder sind soziale Wesen. Sie brauchen die körperliche Nähe, die ihnen Sicherheit, Zuflucht, Trost bietet. Und sie springen mir auch freudestrahlend in die Arme und wollen begrüßt werden. Das tue ich auch. Manche Kinder brauchen Hilfestellungen beim An- und Ausziehen, Handführung beim Schneiden mit der Schere oder wollen beim Buch anschauen Kuscheln. Das gehört zu meiner Arbeit.

 

Es ist dann Berufsrisiko, sich hierbei mit Corona oder was auch immer anzustecken. Ich kann mich genauso wenig wie die Erzieher:innen in eine Vollschutzmontur packen. Das hielte ich dann doch für Angst machend. Daher halte ich die Hygiene-Regeln, das häufige Testen und das zügige Impfen des pädagogischen Personals für so wichtig. 

 

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Nähe in der Erziehung

Entwickeln Vorschulkinder durch Corona Störungen?

Sicher haben im vergangenen Jahr psychische und psychosomatische Krankheiten, Depressionen und Angststörungen zugenommen, schreibt der "Tagesspiegel" am 08.12.20 (2). Doch hier ist die Rede von Erwachsenen . Die Gründe sind vielfältig: Vereinsamung, Existenzängste, Überforderung unter den zusätzlichen Belastungen.

 

Kinder- und Jugendpsychiater sehen auch eine Zunahme von Zwangsstörungen, Ängsten und Depressionen bei Kindern und Jugendlichen, wie ein Bericht des ZDF zeigt (3). Die Gründe: Angst vor der Zukunft, familiäre Belastungen unter Existenzängsten, Homeoffice und Homeschooling, Zunahme von Alkoholkonsum und Gewalt bei Eltern. Klar hängen diese Gründe mit Corona zusammen.

 

Doch wird in der Studie, die der Tagesspiegel nennt, auch gesagt: Menschen, die vor Corona schon psychisch belastet waren, Menschen, die bereits vorher familiäre Schwierigkeiten oder Suchtprobleme hatten, sind jetzt noch stärker betroffen. Corona wirkt also auch hier wie ein „Brennglas“: Es verstärkt alles Vorhandene.

 

Das heißt im Umkehrschluss: Familien, die einigermaßen stabil sind, wo einigermaßen Strukturen da sind, die Liebe, Zusammenhalt, Zuversicht und Orientierung bieten, diese Familien kommen auch gut durch die Pandemie. Ich schreibe „einigermaßen“, denn das reicht aus. Es gibt keine perfekten Familien und die braucht es auch nicht.

Wenn Vorschulkinder nun psychische Störungen entwickeln, kam sicher Vieles zusammen. Corona mag ein Faktor dabei sein. 

 

Kinder können Resilienz entwickeln

Resilienz, das ist die innere Widerstandskraft, entwickelt sich bereits im Kindesalter. Bei emotionaler Bindung, durchschnittlicher Intelligenz und positivem Temperament sowie Wertschätzung von außen halten Kinder die widrigsten Lebensbedingungen aus und überstehen sie unbeschadet.

 

Das ist das, was die Kinder brauchen, um zu wachsen und zu gedeihen. Manche Kinder, bei denen ein oder mehrere dieser Bedingungen fehlen, bekommen bereits Hilfen. So ist es auch bei den Kindern, die ich mit ihren individuellen Schwierigkeiten begleite. Für sie ist es umso wichtiger, in die Kita zu gehen. Dort erfahren sie zusätzliche Förderung, Zuwendung, Wertschätzung.

 

Sicher, mir ist klar, dass hier viele Kinder durchs Raster fallen: Wo Eltern die notwendigen Fördermaßnahmen nicht beantragen, wo erst durch die jetzige Situation der Druck so groß wurde, wo Lebensumstände prekär sind und das jetzt nicht mehr auszuhalten ist und manche, an die wir alle gar nicht denken.

 

Was brauchen sie? Sie brauchen die Kitas! Dort sind Erzieher:innen, die merken, welche Bedürfnisse die Kinder haben. Sie brauchen auch Großeltern und andere Erwachsene, die Eltern unterstützen und entlasten, eine aufsuchende sozialpädagogische Familienhilfe beispielsweise. Das heißt also: Wir brauchen eine Familienpolitik, die auch in der Pandemie greift.

 

Die Kinder werden das Socializing nicht verlernen

Das wir die Kunst des „Socializing“ (engl. Geselligkeit) verlernen könnten, darüber brauchen wir uns wohl keine Sorgen machen. In einem Artikel von perspective daily (4) schreibt die Autorin: „Stell dir vor, du müsstest anderthalb Jahre lang fasten und würdest nur durch Infusionen am Leben erhalten. Was würdest du tun, wenn du nach Ende der Fastenzeit vor einer Tafel voller Leckerbissen stündest? Weiter fasten? Eher unwahrscheinlich. … Wenn sich das (Kontakte-Fasten) auf unser Gehirn genauso auswirkt wie Nahrungsentzug, warum sollten wir uns nach Aufhebung aller Kontaktbeschränkungen anders verhalten als Ausgehungerte bei einem Festmahl?“

 

Ach ja, die Sorgen um die kleine Ida… Ida lebt in einer Familie, in der es offenbar recht gut läuft. Ich sehe die Eltern und Kinder häufig vor dem Haus spielen. Bestimmt hat die Mutter Ida inzwischen alles gut erklärt und sie haben ihre Routine mit den Corona-Regeln entwickelt. Ida kennt mich aus der Kita, flitzt mit ihrem Roller auf mich zu und ruft fröhlich: „Hallo Heike“. 

 

(1)  Jostein Gaarder „Sofies Welt – Roman über die Geschichte der Philosophie“ Vlg. Hanser, München 1993 S.325

(2)  Paul Starzmann: In der Pandemie nehmen Depressionen und Angststörungen stark zu

(3)  Meike Hickmann: Psychische Folgen des Shutdowns: Was hilft?

(4)  Aureliana Sorrento: Nach der Pandemie: Wie unser Gehirn die Coranagewohnheiten loswird

 

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